Die Provinz braucht genau die Leute, die sie ständig vertreibt. „... je feindlicher die Umgebung und je unwirtlicher der große Ort, desto wichtiger ist es, dass es konkrete Orte gibt“. [1]

Und who are you?

Wir haben in der Vergangenheit bereits in verschiedenen Konstellationen in linken Gruppen oder Projekten zusammengearbeitet. Und wir sind nach wie vor nicht mit den kapitalistischen, antifeministischen, homophoben, rassistischen, nationalistischen, antisemitischen und provinziellen Zuständen einverstanden. Trotz Familiengründungen, zeitraubender prekärer Beschäftigungen und Berufstätigkeiten wollen wir in politischen Zusammenhängen organisiert bleiben. Mit dem Wunsch nach einer (Wieder)Organisierung war das Bedürfnis nach einem eigenen Raum verbunden - einem Raum für linke Theorie und Praxis, in dem man uns finden kann. Wir haben daher den kosmotique e.V. gegründet, einen Raum gesucht und gefunden: Seit November 2011 sind wir Mieter_innen eines Ladens in der Martin-Luther-Str. 13, den wir nun nach wochenlangem Bauen und Renovieren eröffnen. Die Miete und alle weiteren Kosten tragen die Mitglieder des Vereins, d.h. das Betreiber_innenkollektiv und Freund_innen des Projektes. Hierdurch wollen wir unsere Unabhängigkeit von staatlichen Fördertöpfen wahren. Wir begreifen uns als geschlossenes Betreiber_innenkollektiv in einem offenen politischen Zusammenhang. Der Laden soll als politisch-sozialer Treffpunkt regelmäßig (vorerst einmal wöchentlich) mit Bar, Musik und Zeitungs-/Zeitschriftenangebot geöffnet werden. Die Räume können und sollen selbstverständlich auch von anderen politischen Gruppen für Filmreihen, Vorträge, Lesekreise, Workshops, Tagesseminare oder Ausstellungen genutzt werden. Für Anfragen und Vorstellungen haben wir die erste Stunde unseres Plenums an jedem 2. Mittwoch im Monat reserviert, d.h. 20:00-21:00 Uhr. Wir freuen uns auf Euch!

Warum Dresden?

Wir sind hier in Dresden und wollen daraus das Beste machen. Ganz abwegig ist es schließlich nicht, wenn Linke in der Hauptstadt des derzeit "rechtskonservativsten und unfreiesten Bundesland der Republik" [2] weiter ausharren. Gerade in Städten wie Dresden muss es weiter welche geben, die die Fahne hochhalten. Wir sind hier und werden es bleiben, um als notorische Nestbeschmutzer die sächsische Gemütlichkeit zu stören.

A place to be

Wir wollen einerseits in Diskussion mit anderen politisch Aktiven treten, andererseits aber auch für Menschen mit knappen Zeitressourcen einen linksradikalen politisch-ästhetischen Theorie- und Praxiszusammenhang organisieren. Es geht uns um einen Raum, in dem linke Debatten- /Streitkultur über die schlechten Zeiten gerettet werden kann und über den eine Anbindung an bundesweite bzw. internationale Diskurse möglich ist. Wir wollen einen Raum, in dem wir unsere Ideen sofort realisieren können, ohne die eigene Autonomie zu verlieren. Wir wollen eine selbstbewusste und selbstverständliche Platzierung linker Haltungen und Argumentationen, die über den Extremismusdiskurs mehr denn je diffamiert und (straf)verfolgt werden.

Wir wollen einen Raum, der uns ästhetisch genügt, denn linke Orte müssen nicht ugly sein! Dabei ist klar, dass der schönste Raum ein Scheißraum ist, wenn er keine Bar hat. Kosmopolitismus ist uns näher als die Provinz. Lokale Entwicklungen interessieren uns im Zusammenhang mit weltweiten Veränderungen. Wir sind lieber kompromisslos als strömungsübergreifend.

Wir wollen Aktionsformen finden - möglicherweise neue - die uns politische Interventionen in kritikwürdige Entwicklungen ermöglichen. Wir wollen uns strittigen Themen mit Zeit und Ausdauer widmen und nicht nur einen Kanon linker Kniggethemen konservieren. Die Umsetzung unserer Überzeugungen im Alltag und in diesem Raum soll nicht Sachzwängen Platz machen, die Diskussion bspw. von diskriminierendem Verhalten soll jederzeit möglich sein und ohne Umwege stattfinden.

Wir wollen einen Raum, der von Menschen und Gruppen, die unser Selbstverständnis teilen, finanziell und ideell getragen und genutzt wird. Zum Konstituierungsprozess unseres Kollektivs gehörten auch Diskussionen zum politischen Selbstverständnis. Der Stand der Debatte soll hier für uns und andere, die unsere Räume nutzen möchten, dokumentiert werden. Es handelt sich um unser Selbstverständnis, wie es sich zum jetzigen Zeitpunkt darstellen lässt. Eine Fortschreibung, die sich durch andauernde Diskussionen, Praxis und deren Bestandsaufnahme ergibt, erscheint uns unumgänglich.

Feminismus / Antisexismus

Da die Zumutung der Geschlechtersozialisation alle Menschen betrifft, ist es bitter, im Alltag auf die Forderung der Emanzipation vom Patriarchat zurückgeworfen zu sein, während doch die Befreiung aller Individuen von jeglicher Zuschreibung und Zurichtung das eigentlich Befreiende wäre. Vor die Wahl gestellt, ob wir unser Leben und unsere Identität, unser Denken und unser Verhalten, selbst unsere Körper lieber der Gruppe 'Mann' oder der Gruppe 'Frau' versprechen und uns damit letztendlich per se eine Hälfte der Welt vorenthalten wollen – würden wir nicht ein drittes Geschlecht und damit keines wählen und lieber gar nichts versprechen, nichts rechtfertigen und nichts erfüllen müssen? 'Geschlechtsmerkmale' blieben dann nichts als höchst individuelle körperliche Beschaffenheiten und als solche gemeinsam mit Eigenschaften und allerlei anderen persönlichen Merkmalen meistens der Entdeckung in persönlichen Beziehungen vorbehalten. Soviel zur Utopie, nun zur bis dato oft gängigen linken Praxis: Unter dem richtigen und berechtigten Postulat der sozialen Konstruiertheit von Geschlecht wurden leider allzu oft bestehende Macht- und Herrschaftsmechanismen aus den Augen verloren. Damit wurde eben auch die Formulierung einer feministischen Subjektposition verhindert, die unter den GEGEBENEN Bedingungen und Verhältnissen einen gemeinsamen Bezugspunkt darstellt und damit Solidarität ermöglicht. Dies erscheint uns in Zeiten, in denen feministische Forderungen entweder diskreditiert oder zugunsten von Marktbedürfnis und Leistungsprinzip instrumentalisiert werden, dringend notwendig. Frauen sind bis heute durch patriarchale Strukturen systematisch benachteiligt. Deshalb ist und bleibt Geschlecht als Analysekategorie sowie die Kritik am sexistischen Normalzustand notwendiger Bestandteil von Gesellschaftskritik.

Kein Karneval der Kulturen

Für viele von uns führten die Pogrome und rassistischen Morde im wiedervereinigten Deutschland zu Beginn der Neunziger Jahre direkt in die eigene Politisierung. Spätestens seitdem ist antirassistisches und antifaschistisches Engagement für uns selbstverständlich.

Vor dem Hintergrund eines wiedererstarkenden Nationalismus (Stichwort: "Wir sind ein Volk") und eines politischen und rechtlichen Vakuums im Osten des Landes kam es ab 1991 zu einer Intensivierung rassistischer Übergriffe in ganz Deutschland, deren traurige Höhepunkte die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock sowie die Morde in Mölln und Solingen waren. Das weitgehende Fehlen von Immigration [3] und einer funktionierenden Zivilgesellschaft [4] bildete die Basis für eine weitreichende Hegemonie rassistischer Ressentiments in der ostdeutschen Gesellschaft. Diese Ressentiments wurden durch einen ökonomisch vermittelten Rassismus konservativer Politiker_innen ("Das Boot ist voll") noch bestärkt, der sich insbesondere gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge richtete. Mit der (über die Pogrome begründeten) Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, der Evakuierung der Arbeitsmigrant_innen in Hoyerswerda und Rostock und der Verschiebung der wenigen verbliebenen Asylunterkünfte aus den Zentren in die Peripherie, hatten die Rassist_innen der Mehrheitsgesellschaft bekommen, was sie wollten und fühlten sich in Siegesstimmung [5]. Der spätere Wegfall der deutschen EU-Außengrenzen und der immer restriktiver gestaltete Umgang seitens der Behörden gegenüber "Nicht-Deutschen" brachten die Immigration nahezu zum Erliegen.

Diese Entwicklungen führen uns in die Gegenwart: Im Gegensatz zu westdeutschen Städten und Berlin gibt es hier kaum Migrant_innen. „Der überwiegende Teil der Zuwanderer kommt also nicht freiwillig in die neuen Bundesländer und verlässt sie wieder, sobald sein oder ihr Aufenthaltstatus dieses zulässt.“ Dieses Zitat aus dem Integrationskonzept der Stadt Dresden beschreibt die Situation ungewohnt offen. Die schlichte Abwesenheit von Migrant_innen bedeutet für uns, dass wir in der Vergangenheit zwar bestimmte innerlinke Debatten zu Migration und Antirassismus mit Interesse verfolgten, diese jedoch lokal nahezu keine Rolle spielen. So haben wir (nicht einmal) einen "Karneval der Kulturen", den es zu kritisieren gilt. [6]

Darüber hinaus sind die Bedrohungen, die vermeintlich migrantische Menschen durch Rassist_innen vor Ort erleben, so existenziell, dass es meist primär darum geht, nur die absoluten Mindeststandards zu verteidigen. Wir leben in einer Region, wo es alltäglich ist, dass als fremd empfundene Menschen auf offener Straße angegriffen werden, wo regelmäßig Brandanschläge auf Gastronomien jenseits der böhmischen Küche oder linke Projekte stattfinden, wo eine schwangere Frau im Gerichtssaal wegen ihres muslimischen Hintergrunds erstochen wird - und wo anschließend Solidarität eingefordert werden muss, und wo im schlimmsten Fall ein Mensch gefesselt in einer Polizeizelle verbrannt wird - auch das ohne Reaktion. Auf der parlamentarischen Ebene sieht es keineswegs besser aus. Die NPD hat sich vor allem im ländlichen Raum weitestgehend verankert. [7] Die seit 20 Jahren regierende CDU hat größere Probleme mit den wenigen antifaschistischen, als Extremist_innen verunglimpften Engagierten. Angesichts solcher Realitäten fühlen wir uns oft genug in eine Rolle gezwungen, wo wir Zivilgesellschaft mimen müssen, weil sie sonst weitgehend fehlt.

Wir wollen uns nicht in antirassistischer und antifaschistischer Arbeit verausgaben. In unserer Wahrnehmung ist dies das einzige Feld, in dem sich aus nachvollziehbaren Gründen die wenigen radikalen Linken der Region vornehmlich betätigen. Nichtsdestotrotz werden wir nicht umhin kommen angesichts der rassistischen und braunen, sächsischen Realität auch in Zukunft uns immer wieder entsprechend einzumischen und zu positionieren.

Urbanismus, Provinzialismus, dazwischen Dresden und wir

warum wir "Stadt" lieben: Wir begreifen Stadt als einen Raum, der sich durch Offenheit, soziale Heterogenität, kulturelle Vielfalt, bauliche Dichte, Anonymität und Liberalität auszeichnet. Diese Kennzeichen sind das Ergebnis von Auseinandersetzungen unterschiedlicher, auf engstem Raum versammelter Lebensauffassungen. Die Stadt ist der Ort, an dem die meisten sozialen Konflikte ausgetragen werden und in dem soziale Veränderungen am deutlichsten an die Oberfläche treten. Linke Gesellschaftsanalyse kommt daher u.E. nicht ohne kritische Auseinandersetzung mit der Stadt, Leben in der Stadt und dem städtischen Raum aus.

warum wir die kapitalistische Stadt nicht lieben: Auch in Dresden vollziehen sich (post)neoliberale Stadtentwicklungsprozesse, die als typisch für den aktuellen Kapitalismus bezeichnet werden können: Die Stadt als Unternehmen privatisiert öffentliche Güter (Privatisierung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft WOBA DRESDEN GMBH), öffentliche Räume unterliegen immer stärkerer Kontrolle oder werden entpolitisiert (Verschärfung des sächsischen Versammlungsrechtes). Viertelaufwertungen und Mietpreissteigerungen sind auch hier bekannte Phänomene. Bevölkerungswachstum und ein verstärkter Zuzug nach Dresden sorgen für eine Wohnungsnachfrage, die schneller steigt als das Angebot, zumal Leerstand durch Wohnungsabriss gesenkt wurde. Von einer Creative City, in der das gesamte städtische Leben vornehmlich als eine Ressource angesehen wird, die es auszubeuten und marktförmig zu verwerten gilt, möchten wir zwar nicht sprechen. Dresdens weiche Standortfaktoren sind vielmehr in der Vielzahl attraktiver Naherholungsmöglichkeiten, der Hochkultur, Gemütlichkeit und Sicherheit zu suchen. Für Menschen, die eher der Vergangenheit als der Zukunft zugeneigt sind, bietet Dresden außerdem eine pittoreske Stadtsilhouette und ein innerstädtisches simuliertes Barockviertel mit Plätzen, die nach historischem Vorbild rekonstruiert wurden.

Hinter der schönen Aussicht

Die Inszenierung von Artifiziellem in der Popkultur unterwanderte gewohnte Bilder von Race, Class und Gender. Die Hoffnungen, die Pop dabei beschwört hat, haben sich nicht bewahrheitet. Popkultur stellt(e) mit ihren Strategien gesellschaftliche Verhältnisse in Frage und versucht(e) Alternativen in Subkulturen zu praktizieren. Der Mainstream hat sich diese subkulturellen Strategien einverleibt und sie zu einer neoliberalen Ausbildungsstätte zugeschnittner Softskills transformiert. Das Potenzial der Selbstermächtigung wird zur Selbstverwertung im kapitalistischen System. Trotz der Abwesenheit subkultureller Strategien wollen wir das kulturelle Feld nicht aufgeben. Kulturproduktion finden wir wichtig. Wir stellen fest, dass Popkultur an vielen Stellen zum Beiwerk politischer Inhalte verkommt. Unser Vorhaben ist eine Verschränkung von Politik und Kultur mit dem Anliegen nach linker politischer Alltagskultur, die gesellschaftliche Hegemonien konterkariert.

Antisemitismus

Gegenwärtige offen antisemitische Aussagen bzw. religiöser Antisemitismus begegneten uns bisher und hier eher selten. Dagegen spielte in unseren politischen Auseinandersetzungen der Begriff des sekundären Antisemitismus eine besondere Rolle. Zum einen begegnet uns dieser in Form von Schuldabwehr durch die deutsche Nachkriegsgesellschaft (Entlastungsantisemitismus). In der lokalen Erinnerungspolitik ist dieses Phänomen untrennbar mit Äußerungen des Geschichtsrevisionismus und dem Datum des 13. Februar verbunden. Dabei fällt es der Mehrheit der Dresdner_innen noch immer schwer, die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt zur Kenntnis zu nehmen und eine Geschichtsbetrachtung auf dieser Grundlage sowie unter Einbeziehung der Perspektive der ehemaligen, aber auch der heutigen jüdischen Einwohner_innen von Dresden zu führen. Ein Ansatz, der die nationalsozialistische Verbrechensgeschichte Dresdens mitteilt, und dabei nicht den Versuch einer nachträglichen Versöhnung mit der deutschen Geschichte unternimmt, ist das Audioangebot unter www.audioscript.net.

Zum anderen ist der sekundäre Antisemitismus immer dort zu finden, wo um das Selbstverteidigungsrecht Israels gestritten wird.

Drittens ist die Bereitschaft, strukturell antisemitisch zu denken, in der kapitalistischen Gesellschaft groß: Das Bedürfnis, Schuldige an sozialen Misständen und Ungerechtigkeiten zu benennen (entweder Personengruppen wie "Heuschrecken" oder Organisationen wie Banken etc.) und dabei die Analyse der Mechanismen und Erscheinungsformen des Kapitalismus (und damit vielleicht die Möglichkeit seiner Abschaffung) aufzugeben, ist offensichtlich.

13. Februar / Dresdengedenken

Zum Dresdenspezifischen Thema wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter äußern. Wir wollen auch in Zukunft darum einen großen Bogen machen. Es ist dazu alles gesagt wurden. Für das Selbstgespräch, welches die Erinnerungsakteure mit sich führen, haben wir nur Verachtung übrig. Wer sich nicht mit den Dimensionen von Shoa und Vernichtungskrieg auseinander setzen will, wird – modernisiert oder nicht - bis in alle Ewigkeit nur vom Bombenkrieg sprechen können. Unsere Empfehlung: einfach mal die Gusche halten und zu Hause bleiben. Wir jedenfalls haben genug vom Fremdschämen und wollen uns zukünftig politisch lieber auf anderen Feldern verausgaben.

Kapitalismus heißt Krise / Lohnarbeit als Repression

Immobilienkrise, Banken- und Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Eurokrise, Eurozonenkrise ... soviel Krise war noch nie.

Die Ursachen hierfür liegen aber nicht in einer verfehlten Politik, der „Gier“, der „Faulheit“, dem „egoistischen Wesen“ des Menschen oder dem „Leben über die Verhältnisse“, sondern haben ihre Ursache in der kapitalistischen Gesellschaftsform selbst. Die kapitalistische Produktionsweise, die durch Konkurrenz bedingte Produktivkraftentwicklung die die Quelle des Wertes, die menschliche Arbeitskraft „wegrationalisiert“, stellt den systemimmanenten Widerspruch dar: Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen. In der Folge wird der wertförmige Reichtum reduziert und hierdurch wiederum die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft untergraben. Um überhaupt die Reproduktionsfähigkeit des Systems zu gewährleisten, wurden in den vergangenen Jahrzehnten gigantische Schuldenberge angehäuft. Sie waren notwendig, um den Kapitalismus überhaupt funktionsfähig zu erhalten. Mit der Expansion der Finanzmärkte und der Verschuldungsdynamik gelang es eine Defizitkonjunktur zu erzeugen, die stimulierend auf die Wirtschaft wirkte.

Damit scheint es nun vorbei zu sein. Dazu kommen noch weitere Einschränkungen: die zugrunde gerichteten Ökosysteme, die schwindenden Rohstoffe und die einsetzende Klimakatastrophe. Und mit einem Ende der Krise ist nicht zu rechnen. Weitere Staatsverschuldung wird unweigerlich zum Staatsbanktrott oder zur Hyperinflation führen, ein Ende der staatlichen Verschuldung wird in die Rezession führen. Drakonische Kürzungen sollen helfen die staatlichen Schuldenberge abzubauen. Die Sparprogramme sind aber mit einem sofortigen ökonomischen Einbruch verbunden und führen zu einer Verelendung der Lebensverhältnisse, siehe Griechenland.

Es ist also mehr als deutlich, dass der Kapitalismus als ein umfassendes gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis an seinem Ende angelangt ist. Eine globale emanzipatorische Perspektive oder Transformationsbewegung mit dem Ziel "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." (K. Marx) ist allerdings nicht in Sicht. Vielmehr ist ein Erstarken von Rechtspopulismus, Sozialdarwinismus, Antisemitismus, Rassismus und Antiziganismus zu beobachten. Die Gegenden des Wohlstandes werden zudem unter Anwendung immer brutalerer Methoden gegen Menschen abgeschottet, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen, Verfolgung, Hunger, Elend oder mangels Perspektiven flüchten.

Es bleibt also viel zu tun.

  1. Klaus Walter in: „Ortsverschiebungen. Tisch Nord“, testcard # 20 Access Denied – Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart [^]
  2. Wolfgang Wippermann zitiert in „Die Härte des Systems“ von Maximilian Popp und Steffen Winter: Spiegel 31/2011 [^]
  3. Die wenigen angeworbenen Arbeitsmigrant_innen wurden bewusst räumlich in Arbeit und Wohnraum vom Rest der Gesellschaft getrennt. [^]
  4. Die heterogen zusammengesetzte DDR Opposition, die den gesellschaftlichen Umbruch 1989 zwar angestoßen hatte, dann aber von den Ereignissen ("Wir wollen die D-Mark") überollt wurde, hatte es nicht geschafft sich zu einer gesellschaftlichen Kraft zu konstituieren. So schnell wie sich ihr Zusammenschluss vollzogen hatte, löste sie sich mit dem Zusammenbruch des DDR-Staats auch wieder auf. Ihre ProtagonistInnen gingen in der Parteienlandschaft der BRD auf, blieben in der außerparlamentarischen Opposition, oder zogen sich resigniert ins Private zurück. [^]
  5. So bestanden zumindest in Teilen Ostdeutschlands "NoGo areas" bereits ab 1992 - lange bevor dies aus zweifelhaften Interessen im Rahmen der Fußball-WM 2006 als Problem erörtert wurde. [^]
  6. Die von der Stadt Dresden und verschiedenen Initiativen organisierten Interkulturellen Tage finden kaum Publikum. [^]
  7. Bei der letzten Bürgermeister-Wahl in Bad Schlema stellte keine der Parteien (CDU, SPD, Linke) einen Gegenkandidaten zur NPD auf. [^]

kosmotique Betreiber_innen Kollektiv, März 2012