„Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um wegzuschauen.“

Interview anlässlich der Filmpräsentation “Widerstandsmomente” und Gespräch am 14. November 2021 mit Jo Schmeiser und Konstanze Hanitzsch in der kosmotique (english version below)

Immer mal wieder wird gegen die bürgerliche-mittige erinnerungs-politische Debatte um Nationalsozialismus und Shoah Kritik von Links laut, zuletzt prominent geschehen durch Max Czollek in Bezug auf die Dethematisierung von kommunistischem Widerstand. Auch die Widerständigkeiten von Frauen wurden lange und werden bis heute unsichtbar gemacht und ignoriert. Die Kämpfe der Frauen wurden nicht erzählt und sind bis heute in ihrer Vielfältigkeit nicht dokumentiert. Umso schöner, dass Jo Schmeiser, Filmemacherin aus Wien in ihrem neuen Film Widerstandsmomente kommunistische Widerstandskämpfer*innen “zu Wort” kommen - neben zahlreichen anderen kämpferischen Frauen - denn der Film spannt einen Bogen aus der Geschichte in die Gegenwart, von anderen Kontinenten zu migrantischen Selbstorganisierungen hier.

Kosmotique: Liebe Jo, Du bist Filmemacherin und Feministin, wir kennen und schätzen Deine beiden Dokumentarfilme Things. Places. Years (2004) und Liebe Geschichte (2010), für die Du mit Simone Bader als “Klub Zwei” Regie geführt hast. Beide Filme beschäftigen sich mit transgenerationeller Weitergabe in Verfolgten- und Täterfamilien durch die Verbrechen im Nationalsozialismus. Things. Places. Years beschäftigt sich mit der Frage, wie die Erfahrung von Emigration, Flucht und Shoah von Generation zu Generation in jüdischen Familien weitergegeben wird und welche Rolle das im Leben und Werk jüdischer Frauen heute spielt. In Liebe Geschichte stehen die Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der Shoah im Leben der weiblichen Nachkommen von TäterInnen und MitläuferInnen im Fokus. “Wie setzen sich heute Frauen und Feministinnen zu ihrer verbrecherischen Familiengeschichte in Bezug?” “Was tun sie mit dem Wissen um deren Beteiligung an der Vernichtung der Juden und Jüdinnen?” sind wichtige Fragen, um die der Film kreist. Dein neuer Film Widerstandsmomente setzt die Erfahrungen aus den Widerständen gegen den Nationalsozialismus und Faschismus mit den Kämpfen der Gegenwart in Beziehung. Du gehst anhand unterschiedlicher Frauenporträts der Frage nach, wie widerständige Momente – in Ausnahmesituationen und im Alltag – zu einer politischen Lebenshaltung werden. Warum war Dir das wichtig?

Jo Schmeiser: Ich sehe die drei Filme als Folge. Einer hat den anderen ergeben. Die Skepsis und die Fragen der jüdischen Frauen nach unseren Familiengeschichten haben Simone und mich zum Film über die weiblichen Nachkommen von Nazitäter*innen gebracht. Zur Beschäftigung mit Widerstand bin ich durch meine Familiengeschichte gekommen. Eine Urgroßmutter war Kommunistin und KZ-Überlebende, meine Oma und der Opa waren begeisterte Nazis, und Mitläufer*innen habe ich ebenfalls in der Familie. Widerstandsmomente ist aber auch das Ergebnis meiner langjährigen Zusammenarbeit mit feministischen Migrant*innen in antirassistischen Projekten.

Ich denke, dass Widerstand im Kleinen beginnt. Du erlebst etwas, das du falsch findest und wirst dagegen aktiv. Dein Handeln kann auch erst später erfolgen, also das Ergebnis eines Nachdenkprozesses und Austauschs mit anderen sein. In Liebe Geschichte kämpfen die Frauen mit der eigenen Ambivalenz. Sie befassen sich kritisch mit ihrem Wunsch, die Mutter, den Vater oder die Großeltern zu entlasten. Ich kenne das von mir selbst. Auch ich habe meine Oma sehr geliebt und wollte lange Zeit glauben, sie sei unpolitisch gewesen. Den Reflex, lieber nicht hinzuschauen, lieber nicht wissen zu wollen, gab es unter den Nazis und es gibt ihn bis heute. Jede*r von uns kennt solche Momente der Ambivalenz. Den Reflex kritisch anzuschauen und sich ihm entgegenzustellen ist vielleicht der erste Schritt zum Widerstand.

Mein Film Widerstandsmomente erzählt, dass jede*r im eigenen Alltag für eine egalitäre Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Antisemitismus eintreten kann, und zwar mit kleinen, niederschwelligen Handlungen und Aktionen. Der historische Widerstand gegen die Nazis wird in der dominanten Geschichtsschreibung oft heroisiert. Die vielfältigen und einfallsreichen Formen des damaligen Widerstands werden ausgeblendet oder sogar abgewertet. Meistens handelt es sich dabei um Widerstandsformen von Frauen, deren mutiges Handeln auf diese Weise entpolitisiert wird. Übrig bleibt in den heroischen Berichten nur der bewaffnete, männliche oder männlich konnotierte, Widerstand. In der Gegenwart hat die Heroisierung von Widerstand auch eine beruhigende Funktion, die problematisch ist. Die Erzählung sagt dir, dass du nur aktiv werden kannst, wenn du stark genug bist, wenn du ein Held bist wie die Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Das hält unbewusst viele davon ab, heute hinzuschauen und gegen Unrecht aufzustehen, nach dem Motto: „Ich kann eh nichts daran ändern“. Ich wollte in Widerstandsmomente das Gegenteil tun und zeigen, wieviel man als Frau in einer rassistisch-sexistisch-antisemitischen Gesellschaft ändern kann und wie inspirierend die kleinen, alltäglichen Beispiele von Widerstand aus der Vergangenheit für unsere Gegenwart und Zukunft sind.

Kosmotique: Hat der starke Gegenwartsbezug auch etwas mit der aktuellen politischen Situation in Europa zu tun?

Jo Schmeiser: Ja, natürlich. Mit der Gewalt gegen geflüchtete Menschen in der EU und an den Außengrenzen. Mit den Abschiebungen geflüchteter Menschen in Länder, wo sie weiterhin mit Verfolgung rechnen müssen. Mit der Weigerung demokratischer Staaten, die Genfer Konvention einzuhalten und Menschen Asyl zu gewähren. All das ist aktuelles Unrecht, das wir als Staatsbürger*innen mittragen und das ja „in unserem Namen“ begangen wird. Mein Film macht daher die Normalisierung und die Legalisierung dieses Unrechts zum Thema. Die große Mehrheit in einer Gesellschaft, die Mitläufer*innen und Zuseher*innen „zur Verantwortung zu ziehen“ ist entscheidend, das lehrt uns die Vergangenheit. Das bedeutet tagtägliche Überzeugungsarbeit, also unermüdliches Widersprechen und Widerstehen in unserem eigenen Umfeld: in der Familie, bei den Arbeitskolleg*innen, den Nachbar*innen.

Kosmotique: In Deiner eigenen Arbeit aber auch bei den porträtierten Protagonist*innen sind kollektive Praxen von großer Bedeutung. Warum ist Dir das wichtig?

Jo Schmeiser: Rúbia Salgado, eine meiner Protagonist*innen, hat einmal gesagt: „Widersprüche sind meine Hoffnungen“. Ich denke, dass ein Kollektiv auch ein Korrektiv sein kann. Viele Augen sehen mehr als zwei. Viele Köpfe denken vieles unterschiedlich. Und man muss immer verhandeln. Das ist zwar anstrengend oder auch schmerzhaft, wenn man plötzlich die eigenen Rassismen oder Sexismen sehen kann. Aber es birgt ein großes Potenzial zur (Selbst-)Reflexion, (Selbst-)Kritik und zum miteinander und voneinander Lernen. Man kann im Kollektiv politisch nachhaltiger etwas bewirken, glaube ich, vor allem wenn die beteiligten Personen ihre unterschiedlichen Geschichten, Herkünfte, Prägungen und Wahrnehmungen mitbringen bzw. diese auch kritisch einbringen.

Kosmotique: Deine Filme sind künstlerische Produktionen. Kannst Du zu Deinem visuell-künstlerischen Herangehen als Filmemacherin etwas sagen. Welche Auseinandersetzung mit Bild, Archivbild und Architektur steckt dahinter?

Jo Schmeiser: Schon bei Klub Zwei haben Simone Bader und ich uns mit Bildsprachen auseinandergesetzt und die Bedeutungen kritisch reflektiert, die eine bestimmte Ausdrucks- und Aufzeichnungsform erzeugt. Das kann ein Bild sein, ein Text oder mündliche Sprache, Musik auch. Es geht in unserer und meiner künstlerischen Arbeit immer auch darum, Ausdrucksweisen auf ihnen zugrunde gelegte Konventionen und Traditionen zu untersuchen. Ich will unhinterfragte „Vereinbarungen“ sichtbar machen und sie verändern, wenn sie eine problematische Haltung und Politik transportieren. Kurz gesagt geht es nicht nur um politische Themen, sondern auch darum, wie diese Themen dargestellt werden.

In „Widerstandsmomente“ habe ich die Stimmen aus dem historischen Widerstand gegen die Nazis in „Arbeitslandschaften“ hörbar gemacht. Wir sehen Menschen arbeiten, heute, in unserer Gegenwart. Gleichzeitig hören wir die Berichte aus der Vergangenheit, von mutigen Frauen aus der Arbeiterklasse, die gegen die Nazis Widerstand geleistet haben. Die Zuseher*innen sind sozusagen die Verbindung in dieser „Bild-Ton-Schere“, sie stellen Zusammenhänge und Bedeutungen her, beobachten sich selbst dabei und sind aufgefordert, Position zu beziehen. Unterstützt wird dieser Prozess der Reflexion durch die heutigen Aktivistinnen des Films, die aus ihrer (unmittelbaren) Vergangenheit und Gegenwart erzählen. Vom Widerstand in Argentinien. Von der Begleitung geflüchteter Menschen. Von den Ähnlichkeiten und Unterschieden, die sie zwischen Gestern und Heute, zwischen Hier und Dort sehen. Das Archivbild wird lebendig, sobald wir es hervorholen und mit ihm unser Heute befragen, sobald wir eben mit seinem Inhalt, und mit seinem Gemacht- bzw. Gestaltet-Sein, politisch zu arbeiten beginnen.

Vielen Dank für das Interview!

Ankündigung und Informationen zum Filmabend am 14.11.2021

Website zum Film

Englisch:

“I wasn’t born to look the other way.”

Interview on the occasion of the film presentation “Moments of Resistance” and talk on November 14, 2021 with Jo Schmeiser and Konstanze Hanitzsch at kosmotique.

Every now and then, criticism is voiced from the left against the bourgeois-centered memorialisation discourse about National Socialism and the Shoah, most recently prominently by Max Czollek in relation to the dethematization of communist resistance. Women’s resistance has also been invisible and ignored for a long time and continues to be so today. Women’s struggles were not told and are still not documented in their diversity. All the more beautiful that female communist resistance fighters have “their say” in Jo Schmeiser new film Moments of Resistance - alongside numerous other combative women - because the film spans an arc from history to the present, from other continents to migrant self-organizations here.

Kosmotique: Dear Jo, you are a filmmaker and feminist, we know and appreciate your two documentaries Things. Places. Years (2004) and Love History (2010), for which you directed with Simone Bader as “Klub Zwei.” Both films deal with transgenerational transmission in families of persecutees and perpetrators through the crimes of National Socialism. Things. Places. Years deals with the question of how the experience of emigration, flight and the Shoah is passed on from generation to generation in Jewish families and what role this plays in the lives and work of Jewish women today. In Love History, the focus is on the aftermath of National Socialism and the Shoah in the lives of the female descendants of perpetrators and bystanders. “How do women and feminists today relate to their criminal family histories?” “What do they do with the knowledge of their participation in the extermination of Jews and Jewish women?” are important questions around which the film revolves. Your new film, Moments of Resistance, relates the experiences from the resistances against Nazism and fascism to the struggles of the present. Using different portraits of women, you explore the question of how resistant moments - in exceptional situations and in everyday life - become a political way of life. Why was that important to you?

Jo Schmeiser: I think that resistance starts in small ways. You experience something you think is wrong and you take action against it. Your action can also occur later, the result of a process of reflection and exchange with others. In Love History,” the women struggle with their own ambivalence. They deal critically with their desire to exonerate their mother, father or grandparents. I know this from myself. I, too, loved my grandmother very much and for a long time wanted to believe she was apolitical. The reflex to rather not look, to rather not want to know, existed under the Nazis and still exists today. Each of us is familiar with such moments of ambivalence. To look at the reflex critically and to oppose it is perhaps the first step towards resistance. My film Moments of Resistance tells that everyone can stand up for an egalitarian society without racism, sexism and anti-Semitism in their own everyday lives, with small, low-threshold actions. The historical resistance against the Nazis is often heroized in the dominant historiography. The diverse and imaginative forms of resistance at the time are ignored or even devalued. Mostly, these are forms of resistance by women, whose courageous actions are depoliticized in this way. What remains in the heroic accounts is only armed resistance with male or masculine connotations. In the present, the heroization of resistance also has a reassuring function that is problematic. The narrative tells you that you can only be active if you are strong enough, if you are a hero like the resistance fighters against the Nazis. That unconsciously keeps many from looking at injustice today and standing up against it, along the lines of, “I can’t do anything about it anyway.” I wanted to do the opposite in Moments of Resistance and show how much you can change as a woman in a racist-sexist-anti-Semitic society and how inspiring the small, everyday examples of resistance from the past are for our present and future.

Kosmotique: Does the strong contemporary reference also have something to do with the current political situation in Europe?

Jo Schmeiser: Yes, of course. Think of the violence against refugees in the EU and at the external borders. The deportations of refugees to countries where they still have to expect persecution. The refusal of democratic states to comply with the Geneva Convention and to grant asylum to people. All of these are current injustices that we, as citizens, support and that are committed “in our name”. My film therefore focuses on the normalization and legalization of these injustices. It is crucial “to call to account” the vast majority in a society, the followers and bystanders, as the past teaches us. This means daily work of persuasion, i.e. tireless disagreement and resistance in our own environment: in the family, with colleagues at work, with neighbors.

Kosmotique: In your own work, but also with the protagonists you portray, collective practices are of great importance. Why is that important to you?

Jo Schmeiser: Rúbia Salgado, one of my protagonists, once said: “Contradictions are my hopes.” I think that a collective can also be a corrective. Many eyes see more than two. Many minds think many things differently. And you always have to negotiate. That may be exhausting or even painful when you suddenly see your own racisms or sexisms. But it holds great potential for (self-)reflection, (self-)criticism and learning with and from each other. I believe that in a collective you can achieve something politically more sustainable, especially if the people involved bring their different stories, origins, influences and perceptions with them, and bring them in critically.

Kosmotique: Your films are artistic productions. Can you say something about your visual-artistic approach as a filmmaker. What kind of examination of image, archive image and architecture is behind it?

Jo Schmeiser: Already at Klub Zwei, Simone Bader and I dealt with visual languages and critically reflected on the meanings that a certain form of expression and recording creates. This can be an image, a text or oral language, music as well. In our and my artistic work, it is always also about examining modes of expression for the conventions and traditions on which they are based. I want to make unquestioned “agreements” visible and change them if they convey a problematic attitude and politics. In short, it is not only about political issues, but also about how these issues are represented.

In Moments of Resistance, I made voices from the historical resistance against the Nazis audible in “Working Landscapes.” We see people working, today, in our present. At the same time we hear the reports from the past, from courageous working class women who resisted against the Nazis. The viewers are, so to speak, the bridge in this “image-sound-gap”, they make connections and meanings, observe themselves while doing so and are asked to take a position. This process of reflection is supported by the present-day activists in the film, who talk about their (immediate) past and present. They discuss resistance in Argentina, the accompaniment of refugees or the similarities and differences they see between yesterday and today, between here and there. The archive image comes alive as soon as we take it out and use it to question our today, as soon as we begin to work politically with its content and with its being made or shaped.

Announcment und Informations about the zum filmevent am 14.11.2021

Website of the film

Thank you very much for the interview!